Als Gründer der Schule der ekstatischen Kabbala, verfasste Rabbi Abraham Abulafia (1240-1292) einige Anleitungen zur Meditation. Eine davon verwendet den heiligen, den „unaussprechlichen“ Namen יהוה. In der Meditation über diese urtümlichen hebräischen Buchstaben, erfuhr Abulafia tief-ekstatische Zustände.
Nun sind die Buchstaben des hebräischen Alphabets vervollkommnete Fortentwicklungen des phönizischen Alphabets, wie die jüdischen Rabbis sagen. Sie entstanden aus Bildsymbolen, mit denen man jeweils den Anfangslaut des Namens eines solchen Symbols verband. Diese Buchstaben aber stammen aus einer Zeit, wo man sie noch als magische Symbole einzusetzen vermochte. Doch ist das heute nicht mehr so?
Die magische Verwendung dieser Bildsymbole, ist in etwa zu vergleichen mit dem, was in der nordischen Kultur unter Runenmagie verstanden wird.
Wer aber war Rabbi Abraham Abulafia?
Als einer der bedeutendsten Kabbalisten im mittelalterlichen Spanien, bereiste Abulafia den Orient, Griechenland und Italien. Er war auf der Suche nach alten Geheimnissen der Magie und der ekstatischen Praktiken der Eingeweihten des Altertums.
Im katalonischen Barcelona macht er seine ersten Erfahrungen damit, was später als „prophetische Ekstase“ bekannt wurde. Dabei gewann er tiefe Einsichten in die Mysterien der menschlichen Persönlickeit und des wesentlichen Selbst. Über die Meditation, wie etwa über den heiligen Namen יהוה (JHVH), sollte jemand auf diesem Pfad der Erkenntnis gelangen können, zu seinem wahren Selbst.
Die in seiner Meditation erfahrenen Ekstase, diente Abulafia als Zugang zum innersten Wesen seines menschlichen Daseins.
Nun kannte Abulafia so ehrwürdige Gestalten wie Papst Nikolaus III. persönlich, auf den er zudem noch einen lebhaften Einfluss ausübte. Das Kirchenoberhaupt nämlich wollte Abulafia 1281 treffen, um es zum Judentum zu bekehren. Schließlich empfand sich Abulafia selbst als jenen, den die Juden als ihren lang ersehnten Messias erwarteten. Doch der Papst verstarb in der Nacht vor Abulafias Ankunft. Abulafia entging nur knapp dem Scheiterhaufen, was er dem Kollegium der Franziskaner zu verdanken hatte. Im Jahr 1291, gerade einmal 51-jährig, vermutlich in Barcelona.
Sein einziges bis heute erhaltenes Schriftwerk, ist das „Sefer Ha-Oth“ – das Buch des Zeichens (Buchstabens).
Eine magische Methode der Kabbala
Abulafias Meditationssystem beinhaltet eine recht ungewöhnliche Form der Meditationspraxis. Sie zeichnet sich vor allem aus, durch ihrer Klarheit. Das heißt, auch für einen Anfänger, ist Abulafias System einfach zu verstehen. Außerdem beschreibt Abulafia in seinem Sefer Ha-Oth, warum seine Form der Meditation funktionieren muss. Er beruft sich dabei auf das Werk des jüdischen Philosophen Moses Maimonides (1135-1204), dass er ganz einzigartig in die Praxis der Kabbala-Meditation integrierte.
Abulafias Meditationstechniken zielen direkt darauf ab, auch tatsächlich besondere mystische Erfahrungen zu machen. Sie sind also weniger spekulative Versuche, die englische Welt und den Kosmos zu begreifen, als echte Anleitungen zu mystischer Erfahrung.
Gut möglich, dass sich Abulafias Formen der Meditation, etwas von jenen anderer jüdischer Eingeweihter unterscheiden. Sie gleichen eher den mystischen Traditionen anderer Religionen. So gibt es etwa in der christlichen Mystik Beschreibungen von Meditationen, die in der Ich-Form dargestellt wurden. Das heißt, einer erklärt sowohl das Meditationsrezept, wie auch die dabei gemachte Erfahrung aus der Ich-Perspektive. Gleichermaßen scheint Abulafia auch darauf hinzudeuten.
Manipulation der hebräischen Sprache
Das Besondere an den Übungen Abraham Abulafias ist, dass sie nicht allein bestimmte Bibelzitate oder Wörter verwenden, sondern es vor allem Buchstaben sind, die in seinen Übungen von zentraler Bedeutung sind. Dabei werden die Buchstaben eines heiligen Namens teils umgestellt oder mit anderen Vokalzeichen versehen. Nun muss hier hinzugefügt werden, dass das hebräische Alphabet aus 22 Konsonanten besteht. Vokale als solche, gibt es im Hebräischen eigentlich nicht. Es ist eine reine Konsonantenschrift, wobei aber, der einfacheren Lesbarkeit halber, die Buchstaben mit besonderen Vokalzeichen versehen werden. Diese Methode der Vokalisation, wurde im 8. Jahrhundert eingeführt. Die Vokalzeichen sind in etwa zu vergleichen mit den zwei Punkten auf dem Ä, dem Ö oder dem Ü, des deutschen Alphabets. In Alltagstexten werden die Vokalzeichen aber weggelassen.
Insbesondere in Abulafias Meditationspraxis, spielen die Vokalzeichen eine wichtige Rolle. In der Tora sind alle Wörter mit Vokalzeichen ausgestattet. Abulafia aber nahm nur die Konsonanten bestimmter Wörter und vertauschte darin die Vokalzeichen. Damit konnte er beim Meditieren frei assoziieren und so besondere Bilder im Geist hervorrufen.
Solche Bilder aber bleiben bedeutungslos, solange man nichts von den rezitierten Konsonantenfolgen kennt.
Gematrie: Zahlenwerte der hebräischen Buchstaben
Wegen ihrer Zahlenwerte, werden die Bedeutungen bestimmter hebräischer Wörter miteinander verglichen. Besonders dann aber, wenn die Gematrie, also quasi die Numerologie ihrer Buchstaben identisch ist, fällt auf diese Wörter ein besonderes Augenmerk.
Für Abulafia war die gematrische Äquivalenz der Begriffe „Israel“ יִשְׂרָאֵל (der von Gott an den Propheten Jakob verliehene Name) und „Sechel Ha-Poal“ שֵׂכֶל הופֹּ֫עַל eine Besonderheit. „Sechel Ha-Poal“ ist die Bezeichnung für den aktiven Intellekt.
Jeder hebräische Buchstabe nun, hat einen bestimmten Zahlenwert. Im Falle der beiden oben genannten Begriffe, ergibt sich als Summe der Zahlenwerte, jeweils 541:
יִשְׂרָאֵל Israel: 10+300+200+1+30 = 541
שֵׂכֶל הופֹּ֫עַל Shekel Ha-Poal: 300+20+30+5+6+80+70+30 = 541
Die Gematrie ergibt sich also aus der Summe der Buchstaben eines Wortes. Dafür gibt es viele weitere Beispiele. So hat etwa das hebräische Wort für die Poesie, „Shirah“ שירה, den Zahlenwert 515. Den selben Zahlenwert 515 besitzen auch das Wort „Tiflah“ תפלה, das Gebet – „Wa Echatanan“ ואתחנן, „ich flehte“ – als auch „Yeshara“ ישרה, die Aufrichtigkeit. Sicherlich bewegen sich alle diese Begriffe in einem ähnlichen Kontext.
In diesem Zusammenhang seien natürlich auch die 72 Heiligen Namen genannt, wie sie in der praktischen Kabbala von Bedeutung sind (Buchtipp).
Meditation über den heiligen Namen JHVH
Eine der einfachsten Übungen, die in Abulafias Werk genannt werden, ist die Meditation über den heiligen Namen JHVH יהוה (Jod, Heh, Vav, Heh) – auch bekannt als „Tetragrammaton“. Dabei werden die einzelnen Buchstaben dieses Namens ausgerufen, während sich der Kopf im Rhythmus des Atems, auf besondere Weise bewegt.
Für diese Meditation sucht man sich einen ruhigen und sauberen Ort, an dem man auf jeden Fall ungestört ist. Die Übung wird für ungefähr 20 Minuten durchgeführt. Schließen Sie dabei ihre Augen.
Beginnen Sie mit dem ersten Buchtaben des Tetragrammaton JHWH – dem J also. Sie sprechen den Konsonanten J mit diesen vier Vokal-Lauten: Oh (kurzes O), A, Ay, E und O (langes O). Jeder dieser fünf Laute wird mit einer entsprechenden Kopfbewegung gesprochen. Der Kopf bewegt sich dabei in Übereinstimmung mit der Atembewegung: mit jedem Einatmen bewegen sie sich in eine der entsprechenden Richtungen (oben, links, rechts, unten, vorn). Mit dem Ausatmen bewegt sich der Kopf wieder zurück in Normalposition. Daraus ergibt sich also folgende Form:
- Einatmen – Kopf bewegt sich aufwärts
- Ausatmen – Kopf bewegt sich wieder zurück in Ruheposition, während man Joh (kurz) ausspricht.
- Einatmen – Kopf bewegt sich nach Links
- Ausatmen – Kopf bewegt sich wieder zurück in Ruheposition, während man Ja ausspricht.
- Einatmen – Kopf bewegt sich nach Rechts
- Ausatmen – Kopf bewegt sich wieder zurück in Ruheposition, während man Jay ausspricht.
- Einatmen – Kopf bewegt sich nach unten
- Ausatmen – Kopf bewegt sich wieder zurück in Ruheposition, während man Je ausspricht.
- Einatmen – Kopf bewegt sich nach hinten
- Ausatmen – Kopf bewegt sich wieder zurück, nach vorn in Ruheposition, während man Jo (lang) ausspricht.
Nachdem diese Meditation über den Buchstaben J durchgeführt wurde, setzt man sie für die übrigen drei Buchstaben des Namen JHVH fort. Das heißt also:
- Hoh, Ha, Hay, He, Ho,
- Voh, Va, Way, Ve, Vo,
- Hoh, Ha, Hay, He, Ho.
Diese Übung erzielt Wirkungen auf verschiedenen Ebenen. Da man jeden der vier Konsonanten des heiligen Namens JHVH mit den fünf hebräischen Vokalen ausspricht, hat man dabei irgendwie auch den „unaussprechlichen Namen Gottes“ ausgesprochen.
Vor allem aber muss man sich während der Aussprache des Namens vollkommen konzentrieren, auf Atmung und Aussprache. Damit schafft man eben das, was auch die östlichen Traditionen durch Meditation erreichen wollen: die Gedanken an Alltägliches oder Sorgen zu unterbinden.
Wer diese Form der Meditationspraxis nach einiger Zeit vervollkommnet hat, kann sie weiter ausbauen. Man kann sich dann zusätzlich die hebräischen Buchstaben des Namen JHVH, während der Meditation visualisieren:
י Jod
ה Heh
ו Vav
ה Heh
Durch diese Kombination von Meditation und Visualisierung, lassen sich bemerkenswerte Ergebnisse erzielen.
Konzentration auf die Stille
Sie sollten unbedingt vermeiden, mit dieser Meditation, zu schnell etwas erreichen zu wollen. Gier kann nur Schaden anrichten. Es ist darum wichtig, dass Sie sich mit dieser kraftvollen Meditation Zeit lassen. Beginnen Sie zum Beispiel zuerst damit, den Kopf entsprechend der obigen Raumrichtungen mit dem Atem abzustimmen. Diese Übung lässt sich täglich für 20 Minuten, über eine Woche ausführen. In der Woche danach, können Sie damit beginnen die Buchstaben im Geiste, doch auf keinen Fall laut, auszusprechen. Schließlich visualisieren Sie in der Woche darauf die vier heiligen Buchstaben als Bilder.
Meditieren heißt, zur Ruhe kommen und sich auf etwas Einfaches zu konzentrieren, um dabei den Kopf frei zu bekommen. Wer die heiligen Namen der Kabbala für seine sakrale Arbeit verwenden möchte, sollte allerdings wissen, dass bei dieser Übung durchaus mächtige Kräfte ausgelöst werden. Und damit einher gehen eben jene mystischen Erfahrungen, die Abulafia jedem versicherte, der diese kabbalistische Übung durchführt. Jedoch war Abulafia ein Meister und jüdischer Rabbi, der in der Tradition der Kabbala stehend, die wahre Bedeutung jedes einzelnen Buchstabens kannte. So etwa war er einst Schüler des berühmten Talmudisten Hillel ben Samuel (1220-1295) gewesen sowie von dem Kabbala-Gelehrten Rabbi Baruch Togarmi (der einen „Schlüssel zur Kabbala“ aus dem Buch Sefer Yetzirah ableitete).
Doch wie mit allen Dingen im Leben, kann etwas nur zur Vollkommenheit geführt werden, wenn man es auf die richtige Weise übt. Wer wirklich mit seiner Meditation weiterkommen möchte, muss täglich und über mehrere Monate hinweg konzentriert üben.
Doch wer ist dazu bereit? Ist es ein Weg, den der Uneingeweihte überhaupt gehen sollte? Oder verbergen sich dahinter gewisse Fallstricke?
Fest steht, dass jede spirituelle Handlung in der Kabbala, und sei es in Form dieser oder anderer Methoden, auf keinen Fall von egoistischen Bestrebungen inspiriert sein darf. Und da fragt sich: Welches „Wollen“ ist dabei nicht egozentriert?
2 Kommentare
Für mich ist es dieses
Für mich ist es dieses Zerrissensein in den Widersprüchen meines Ego, das immer etwas erreichen will und das mich gleichzeitig dafür angreift, dass ich überhaupt etwas erreichen will, weil es nichts zu erreichen gibt … und dann meditiere ich einfach .. wir werden sehen..
…solange, bis man selbst
… solange, bis man selbst die Übung ist …
be-herr-schen: Hin-Gabe und der Tod führen einen weiter.